Situation der Krankenhäuser im südlichen Hessen

Mit freundlicher Genehmigung von Erhard Schleitzer mit Hinweis auf: www.politnetz-darmstadt.de/siehsmaso

Schließungen, Konzentrationen, Übernahme durch Investmentfirmen

Krankenhäuser im südlichen Hessen

Die Situation der Krankenhäuser ändert sich dramatisch. Das Gesundheitswesen in der Bundesrepublik wurde aufgebaut als wichtiger Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge, d. h. der Staat übernahm die Aufgabe, leistungsfähige Krankenhäuser vorzuhalten und den Bürger bedarfsgerecht gesundheitlich zu versorgen. Die Länder hatten die erforderlichen Investitionen zu finanzieren, die laufenden Kosten der Krankenhäuser wurden durch die Krankenkassen abgedeckt. Durch die Einführung der Budgetierung Anfang der neunziger Jahre und insbesondere durch die Einführung von Fallpauschalen wurden auch im Krankenhausbereich marktwirtschaftliche Prinzipien eingeführt. Gleichzeitig fuhren seit 1995 die Länder ihre Investitionszuschüsse preisbereinigt um etwa die Hälfte zurück. Folge war ein immens hoher Investitionsstau in den öffentlichen Häusern und umfangreiche Sparmaßnahmen an Personal („Finanzierung der Baustellen durch Planstellen“). Das führt sowohl zur Konzentrationen der Krankenhausträger, als auch zum Einstieg in den neu erschlossenen Krankenhausmarkt von börsennotierten Unternehmen und Investmentfirmen, die durch rücksichtslose Sparmaßnahmen und Konzentration auf „lukrative“ Fälle ihre Marktposition ständig ausbauen. Große kommunale Kliniken mit Tausenden Beschäftigten wurden komplett an private Träger verkauft (bzw. das Klinikum Offenbach für 1 € verschenkt), kleine Krankenhäuser auf dem Land ersatzlos geschlossen. Die Versorgung der Patienten leidet darunter, die Arbeitssituation der Beschäftigten wird immer unerträglicher. Aktiengesellschaften und Investmentfirmen machen nun auch ihre Gewinne aus den Geldern der Versicherten der Krankenkassen.

Luisenkrankenhaus Lindenfels (111 Betten/115 Beschäftigte)

Das Luisenkrankenhaus gehörte ursprünglich zum evangelischen Hessischen Diakonieverein und ging dann über in den Agaplesion-Konzern. In den letzten Jahren geriet das Krankenhaus in eine wirtschaftliche Schieflage. 2012 übernahm der SHK (katholischer Südhessischer Klinikverbund) die Einrichtung. Der SHK wurde 2013 zum symbolischen Preis von einem Euro zu 95 Prozent vom Universitätsklinikum Mannheim übernommen. Zum 31.7.2016 wurde das Krankenhaus geschlossen.

Heilig-Geist Hospital Bensheim (130 Betten/215 Beschäftigte)

Die ehemals katholische Einrichtung gehörte zum SHK (Südhessischer Klinikverbund ), die 2013 an das Universitätsklinikum Mannheim überging. Am 1.7.2016 erfolgte der Verkauf an die Artemed-Klinkgruppe. Die Artemed SE mit Sitz in Tutzing betreibt 11 Krankenhäuser in Deutsch­land.

St. Marien Krankenhaus in Lampertheim (85 Betten/114 Beschäftigte)

Die ehemals katholische Einrichtung gehörte ebenfalls zum SHK und ab 2013 zum Universitätsklinikum Mannheim. Im September 2016 erwarb die international tätige belgische Eurofins-Gruppe das Krankenhaus. Die Eurofins-Gruppe hat einen Umsatz von fast zwei Milliarden Euro und beschäftigte insgesamt 23.000 Mitarbeiter.

Chirurgisch-Orthopädische Fachklinik Lorsch (94 Betten/220 Beschäftigte)

Die ehemalige Privatklinik wurde im November 2014 an die Schön Holding SE verkauft. Die Schön Klinik SE betreibt 15 Kliniken und weitere Einrichtungen, sie hat fast 10.000 Beschäftigte und 4.700 Betten. Der Umsatz betrug 2015 743,3 Mio. Euro, das EBITDA (Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen) 129,9 Mio. Euro, die EBITDA-Marge 17,5%. Die Schön-Kliniken sind damit profitabler als Helios, Rhön, Asklepios und Sana. Im Juli 2016 stieg die Investmentfirma Carlyle mit einer Minderheitsbeteiligung bei den Schön-Kliniken ein. Carlyle gehört mit einem angelegten Kapital von 28 Mrd. Euro zu den weltgrößten Finanzinvestoren.

St. Rochus Krankenhaus Dieburg (ehemals 87 Betten/120 Beschäftigte)

Das katholische Krankenhaus wurde Anfang 2015 zusammen mit dem ebenfalls katholischen Marienhospital in Darmstadt vom Klinikum Darmstadt mit 90 % Anteilen übernommen. Beide Krankenhäuser hatten bzw. haben mit hohen Defiziten zu kämpfen. Das St. Rochus-Krankenhaus wurde im Jahr 2016 vollständig geschlossen.

Kreiskrankenhaus Bergstraße gGmbH (280 Betten/600 Beschäftigte)

Das Kreiskrankenhaus in Heppenheim wurde im März 2003 zu 90 % von dem Universitätsklinikum Heidelberg übernommen.

Asklepios Seligenstadt (266 Betten/400Beschäftigte) und Langen (380 Betten/500 Beschäftigte)

2002 übernahm Asklepios die beiden kommunalen Krankenhäuser vom Landkreis Offenbach. Asklepios betreibt mehr als 100 Krankenhäuser, Fach- und Rehakliniken mit fast 27.000 Betten. Der Umsatz des Konzerns betrug 2015 3,1 Mrd. Euro, das EBITDA 374 Mio. Euro.  Ausgewiesen werden 34.700 Vollzeitstellen.

Klinikum Offenbach (ca. 900 Betten/2.300 Beschäftigte)

Die Sana-Kliniken übernahmen zum 1.7.2013 90% der Anteile des Klinikums Offenbach zu dem Preis von einem Euro. Der Betriebsrat bezeichnet den Kaufvertrag als „Schenkungsurkunde“. In dem Kaufvertrag ist festgelegt, dass die Millionenverluste in einer Höhe von 250 bis 450 Millionen Euro aus der Vergangenheit bei der Kommune verbleiben, die künftigen Gewinne des Klinikums aber bei Sana. Nach dem Kauf nahm Sana umfangreiche Personaleinsparungen vor und lagerte das Personal von Reinigung, Catering, Transportdiensten und Pforte in Sana-Tochterfirmen aus. 2015 erzielte Sana mit dem „verschlankten“ Klinikum einen Gewinn von 1,1 Millionen Euro.

Die Sana-Gruppe wurde 1972 von 18 privaten Krankenversicherungsunternehmen gegründet. Der Umsatz betrug 2015 2,31 Milliarden Euro. Bundesweit besitzt sie 49 Krankenhäuser und beschäftigt fast 30.000 Mitarbeiter.

Horst-Schmidt-Kliniken (HSK) Wiesbaden (ca. 1000 Betten/3000 Beschäftigte)

Im Mai 2012 wurden 49% der Gesellschaftsanteile der HSK an die Rhön-Klinikum AG verkauft und 57% der Stimmrechte eingeräumt. Zusammen mit der Deutschen Klinik für Diagnostik (DKD) und der Aukamm-Kliniken (beide in Wiesbaden) verkaufte die Rhön-Kliniken AG 2013 die Horst-Schmidt-Kliniken an Fresenius Helios.

Fresenius ist ein  Gesundheitskonzern mit einem Umsatz im Jahr 2015 von 27,6 Mrd. Euro, das Ebit (Gewinn vor Zinsen und Steuern) betrug 3,96 Mrd. Euro. Im September 2016 kaufte Fresenius die spanischen Klinikkette Quironsalud mit rund 35.000 Mitarbeitern für 5,76 Mrd. € und ist damit mit Abstand der führende Krankenhauskonzern in Europa. Ende 2015 (vor dem Kauf von Quironsalud) hatte die Helios-Gruppe mehr als 34.000 Bet­ten in 111 Kliniken mit rund 70.000 Mitarbeitern.

Das Ergebnis der Personalpolitik von Rhön/Fresenius: seit 2014 haben insgesamt 230 Pflegekräfte die HSK verlassen. Das führte zur dauerhaften Schließung einer Reihe von Stationen, weswegen die Leitung nun verzweifelt neue Pflegekräfte sucht.

Frankfurter Diakoniekliniken / Agaplesion gAG

Vier evangelische Krankenhäuser schlossen sich 1998 zu den Frankfurter Diakoniekliniken (FDK) zusammen. Dies war die Keimzelle des größten evangelischen Krankenhauskonzerns Agaplesion, der sich seit 2002 über ganz Deutschland ausweitete. Hatte der Agaplesion-Konzern 2006  noch einen Umsatz von 270 Mio. Euro, so stieg er 2015 auf 1,1 Mrd. Euro. Auch das Darmstädter Elisabethenstift gehört zu diesem Konzern.

Die evangelische „gemeinnützigen Aktiengesellschaft“ (gAG) spart zielstrebig Kosten durch umfangreiche Ausgründungen von Reinigungs- und Transportdiensten, Küchen und auch von Therapiediensten und Laboren. Mit der „Konzentration auf das Kerngeschäft“ sank die Zahl der Ausbildungsplätze in der zusammengelegten  Krankenpflegeschule der 4 Krankenhäuser von Frankfurt und Darmstadt dramatisch von über 200 im Jahr 1998 auf nur noch 80 Plätze 10 Jahre später. Wegen der stark ansteigenden Anzahl von unbesetzten Stellen wurden in den letzten Jahren die Ausbildungskapazitäten wieder leicht erhöht.

Erhard Schleitzer

09.01.2017

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