Kaskadeneffekt durch fehlende Tarifbindung auch in Viernheim

Pressemitteilung:
Am vergangenen Samstag versammelten sich rund 500 Beschäftigte des Einzelhandel in Wiesbaden, um gegen die Tarifflucht, für einen flächendeckenden Tarifvertrag und höhere Löhne zu kämpfen. Ver.di hatte auch in Viernheim zum Streik aufgerufen. Darunter die Beschäftigten von Karstadt, ZARA, Kaufhof, Metro, Kaufland, Obi, H&M, Ikea und Real. Nach ver.di Angaben verzichteten die Karstadt Mitarbeiter in den letzten zehn Jahren auf 50 Millionen Euro und damit auf Lohnsteigerungen, Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Trotz dessen wurden 5.500 Arbeitsplätze abgebaut. Dabei mahnt die Betriebsratsvorsitzende Martina Würthwein, dass die Kolleginnen und Kollegen durch Überbeanspruchung an ihre körperliche und selische Belastungsgrenze angelangt wären, was auch durch die Kunden nicht unbemerkt bliebe. Sie fordert daher mehr Einstellungen und die Wiedereinbindung in den Tarifvertrag.
Für die nächsten drei Jahre sollen die Beschäftigten von Karstadt weder Lohnerhöhung noch Urlaubs- oder Weihnachtsgeld bekommen. Eine Beschäftigungsgarantie wird dagegen nicht geboten. Mit dem Ausstieg aus dem Arbeitgeberverband vor zwei Jahren spielte Karstadt eine Vorreiterrolle dem sich REWE in Darmstadt sowie am letzten Mittwoch auch real angeschlossen haben. Umstrukturierungen sollen die Lohnkosten weiter senken, indem die Beschäftigten in Teams aufgeteilt werden.  Auffüller, Verkäufer und Kassierer sollen durch Neuverhandlungen von alten Tarifverträgen nach Tätigkeiten bezahlt werden und so die Lohnkosten insgesamt reduzieren. Für viele Mitarbeiter bedeutet dies ein Einkommensverlust von 300 – 400 Euro. Die linke Stadträtin in Viernheim, Selina Sebnem Tugce Altinalan: „70% der Beschäftigte sind Frauen, darunter viele alleinerziehende Mütter. Hinzu kommen befristete Arbeitsverhältnisse sowie Teilzeitarbeitsverträge. Die Belastung am Arbeitsplatz wird größer, die Einkommen sinken, die Mieten und Lebenshaltungskosten steigen hingegen weiter. Die Altersarmut ist damit vorprogrammiert. Die Sparmaßnahmen von Karstadt werden auf den Rücken der Beschäftigten realisiert.“
Für Sascha Bahl, Wirtschaftsexperte der Linken im Kreis Bergstraße sind dies Auswirkungen einer völlig verfehlten Arbeitsmarktpolitik: „Wir können hier sehr deutlich beobachten welche schädlichen gesamtwirtschaftlichen Folgen es hat, wenn der Wettbewerb sogar innerhalb einer Branche über die Löhne ausgefochten wird. Immer mehr Arbeitgeber steigen aus der Tarifbindung aus und verursachen damit einen Kaskadeneffekt, weil die sinkenden Einkommen auch die Nachfrage sinken läßt und das Problem sinkender Umsätze dadurch verschärft. Der Einzelhandel merkt über seine Umsatzentwicklung als erstes, wie die Einkommen sich entwickeln, denn der Zusammenhang zwischen Einzelhandelsumsätzen und gesamtwirtschaftlicher Lohnentwicklung ist empirisch nachgewiesen. Dennoch laufen sie in ihre eigene einzelwirtschaftliche Rationalitätsfalle, weil die herrschende Politik die falschen Rahmenbedingungen gesetzt hat. Seit Jahren konzentriert sich die Politik auf die Bevorzugung der Arbeitgeberseite aus dogmatischen, längst wiederlegten Gründen, wie der beschäftigungsorientierten Lohnentwicklung. Jetzt wäre die Gelegenheit für die Politik zu erkennen, dass die Arbeitnehmerseite z.B. durch eine verbindliche Tarifbindung gestärkt werden muss.“

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