In welcher Welt lebt die Linke? – Meine Antwort zu diesem Kommentar

Der Kommentar eines Lesers unter dem Artikel zur Solidarität zu den Beschäftigten des Einzelhandels auf Viernheim24 ist hier zu finden.

Meine Antwort dazu:

Wenn Sie unsere Wirtschaftspolitik mit der DDR oder der SED vergleichen, kennen sie vermutlich unsere Wirtschaftspolitik gar nicht.

Der Reallohnindex war 2014 bei 103,4 und hat den exakt gleichen Wert wie 1992, wenn der Index 2010 auf 100 festgesetzt war. Die Reallöhne haben sich auch von 1998 nur minimal verändert.[1] Es stimmt schon, dass es in 2015 Lohnerhöhung gab, die aber leider in den Medien rechnerisch nicht richtig wiedergegeben wurden. Daher wahrscheinlich ihre Annahme, dass es mehr als „deutlich mehr“ als 3% Lohnsteigerungen gegeben hat.
So ist der Abschluss der IG-Metall in den Medien mit 3,4% angegeben worden. Bei einer Laufzeit von 15 Monaten, sind es unter Beachtung der Produktivitätssteigerung und der Inflationsrate aber real nur 2,72% gewesen. Und das ist noch einer der „besseren“ Abschlüsse gewesen. Medial hatte die EVG einen Lohnabschluss von 5,1% erreicht [2]. Bei genauerer Berechnung bleiben davon allerdings nur 1,6% übrig. Die IG BCE hat ähnlich schlecht abgeschnitten.

Ihren Hinweis darauf, die Lohnentwicklung läge somit höher als die Inflationsrate ist zwar richtig, aber der Zusammenhang ist falsch, denn er betrachtet die Produktivitätssteigerung nicht und ebensowenig die „gewünschte“ Inflationsrate. Nach der goldenen Lohnregel brauchen wir Lohnabschlüsse von 3,5%. 1,5% mehr Lohn für die Produktivitätssteigerung plus 2% für das Inflationsziel. Damit wäre gewährleistet, dass der gestiegende Output an Waren und Dienstleistungen innerhalb der Volkswirtschaft auch verbraucht werden kann. Denn das geht ja nur, wenn die Einkommen entsprechend mit steigen.

Sie fragen wo meiner Meinung nach die Inflationsrate liegen solle. Nach Meinung der EZB jedenfalls bei 2%. Denn dies ist mit der europäischen Währungsunion so vereinbart worden. Dieses Ziel wurde von der deutschen Inflationsrate übernommen an der sich die meisten EU-Länder sowieso schon orientierten.

Arbeitslosigkeit entsteht Ihrer Meinung nach dadurch, dass durch höhere Löhne auch Produkte teurer werden und diese dann weniger nachgefragt werden. Damit würden auch weniger Arbeitsplätze benötigt. Das ist eine reine neoklassiche Sicht auf den Arbeitsmarkt. In den 1990’er Jahren wurde von den Gewerkschaften, den Arbeitgeberverbänden und der Regierung eine beschäftigungsorientierte Lohnpolitik vereinbart, die bis heute auch durchgesetzt wurde. Wenn wir uns nicht in einer Währungsunion befinden würden und mit diesem Pakt eine enorme Steigerung der Exporte erreicht hätten, wäre der Unsinn einer beschäftigungsorientierten Arbeitsmarktpolitik längst aufgeflogen. Wenn Sie sich das Arbeitsvolumen anschauen, z.B. das von Hessen  seit dem Jahr 2000, dann fällt Ihnen auf, das es sich in keinster Weise nach oben bewegt hat [3]. Es wurde also tatsächlich nicht mehr Arbeit geschaffen, sondern nur umverteilt. Gleichzeitig sind die prekären Beschäftigungsverhältnisse gestiegen und haben ihren Anteil am sinkenden Einkommen der abhängig Beschäftigten.

Noch ein Effekt dieser Arbeitsmarktpolitik ist die Senkung der Inflation bis hin zur Deflation, wie es in vielen europäischen Ländern der Fall ist. Denn die Lohnstückkosten sind der primäre Treiber der Inflationsentwicklung, wie alle empirischen Daten zeigen können. Eine leichte Inflationsentwicklung befördert Investitionen. Eine sinkende Inflation oder gar Deflation ist ein Investitionshemmnis. Bei einer Deflation sinken die Verbraucherpreise und die Einkommen. Damit sinkt auch die Nachfrage. Eine leichte Inflation gesteuert durch die Lohnstückkosten ist hingehend investitionsfördernd. Die Einkommen steigen gemäß der Produktivitätsentwicklung zusätzlich zur Inflationsrate. Höhere Einkommen bedeuten eine höhere Nachfrage. Das blendet die Neoklassik komplett aus. Wir sehen ja drastisch, dass die neoklassiche Arbeitsmarktpolitik in Griechenland genau das Gegenteil bewirkt hat, als fast alle Ökonomen vorhergesagt haben. Mit dem Absenken der Löhne um 20-30% explodierte die Arbeitslosigkeit. Nach Meinung des neoklassischen Modell hätte die Arbeitslosigkeit aber sinken müssen.

Arbeitslosigkeit entsteht, wenn die Nachfrage nach Gütern unter den Produktionskapazitäten sinkt. Dies wird durch sinkende Einkommen im Verhältnis zur Produktivität erreicht.

Unter diesen Voraussetzungen brummt natürlich der deutsche Export, welcher auch gleichzeitig der Indikator dafür ist, dass wir weit unter unseren Verhältnissen leben. Ein Aussenhandelsüberschuss zeigt genau, dass wir die Güter, die wir herstellen selbst gar nicht verbrauchen können. Also muss sich das Ausland für diese Güter verschulden. Die anderen Länder können gar nicht Deutschland zum Vorbild nehmen, denn es können nicht gleichzeit alle einen Exportüberschuss haben. Der Exportüberschuss auf der Welt ist genau Null.

Quelle:
[1] https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/VerdiensteArbeitskosten/ReallohnNetto/ReallohnindexPDF_5623209.pdf?__blob=publicationFile
[2] http://www.sascha-bahl.de/?p=270
[3] http://www.sascha-bahl.de/?p=85

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