Wie sollten wir mit „Wachstum“ umgehen?

Ein Kommentar von mir zu einem Diskussionsthread, in dem es darum geht, dass technologischer Fortschritt Arbeitsplätze kostet:

Früher gab es Wasserträger, die Wasser von einem Brunnen zum Dorf getragen haben. Ebenso ist z.B. der Beruf des Köhler, der aus Holz Holzkohle hergestellt hat, ausgestorben. Durch Wasserleitungen und andere Energiequellen wurden diese Berufe obsolete. Ich denke, dass die meisten diesen Zeiten nicht hinterhertrauern möchten. Diese Entwicklung wurde nur durch Wachstum möglich, welches nicht zwingend bedeutet, dass wir mehr Dreck produzieren müssen. Durch Wachstum werden erst Innovationen und Entwicklungen möglich, dessen Richtung, ob mehr Dreck oder Ökologie,durch die Gesellschaft und die Politik bestimmt werden kann. Hingegen ist es falsch den Wegfall des Wasserträgers als Grund für eine gesamtwirtschaftliche Arbeitslosigkeit zu sehen, denn immer wurden neue Möglichkeiten der Wertschöpfung geschaffen, die das Leben insgesamt angenehmer gemacht haben. Auch kann es ja nicht Ziel einer Gesellschaft sein, möglichst viel zu arbeiten. So wünscht sich wohl niemand einen körperlich beschwerlichen 16 Stunden Arbeitstag zurück.

Um auf das Beispiel der Bäckerei einzugehen [1]. Die Bäckerei kann durch eine erhöhte Produktivität mehr Waren herstellen mit weniger Arbeitnehmern und damit auch Arbeitsplätze in anderen Betrieben verdrängen. Durch die erhöhte Produktivität in diesem Betrieb gehen zwar aus einzelwirtschaftlicher Sicht Arbeitsplätze verloren aber während der Produktivitätsfortschritt in einem Betrieb Arbeitsplätze kostet, erzeugt er jedoch Wachstum z.B. in der Investitionsgüterindustrie in der wiederum Arbeitsplätze entstehen. Auch, wenn nun Brotwaren billiger würden, so bedeutet dies ja nicht, dass dafür in anderen Bereichen weniger Geld ausgegeben werden würde, solange die Arbeitnehmer am Fortschritt beteiligt werden. Würden die Arbeitnehmer beteiligt, würde die Nachfrage insgesamt nicht sinken, sondern in anderen Bereichen Nachfrage erzeugen, welche wiederum neue Möglichkeiten der Wertschöpfung und Nutzung bietet.

Die „goldene Lohnregel“ orientiert sich am Produktivitätszuwachs und der gewünschten Inflationsrate .Es ist natürlich unsinnig einen höheren Output pro Arbeitsstunde und damit einen Produktivitätszuwachs der Großbäckerei für die „goldene Lohnregel“ zu nutzen. Dies ist genau der Fehler, der heute von den Gewerkschaften gemacht wird, indem sie zulassen Tarifverträge für jeden Betrieb abzuschliessen. Das würde bedeuten, dass alle Bäckereiangstellten soviel Geld verdienen müssten, dass sie auch alle ihre produzierten Waren selbst konsumieren könnten. Das ist in einer arbeitsteiligen Gesellschaft jedoch Unsinn, denn die produzierten Güter werden ja in der gesamten Volkswirtschaft konsumiert. Die „goldene Lohnregel“ muss immer gesamtwirtschaftlich gesehen werden. Die Höhe der Löhne muss sich in einer arbeitsteiligen Gesellschaft immer an dem Produktivitätszuwachs der gesamten Volkswirtschaft orientieren plus einen Aufschlag für die gewünschte Inflation.

Wenn wir Innovationen und Entwicklung zulassen wollen, müssen wir in der Lage sein, mit geänderten Bedingungen umzugehen. Der Gesellschaft und der Politik stehen dazu eine Vielzahl an Instrumenten zur Verfügung. Es obliegt der Politik, diese einzusetzen um einen gesamtgesellschaftlichen Vorteil daraus zu erzielen. So sind die Hartz IV Gesetze kontraproduktiv, da sie den Menschen weder die Möglichkeiten noch die Perspektive geben sich an eine geänderte Arbeitswelt anzupassen. Schlimmer noch, zwingt sie die Menschen in niedrigst entlohnte Jobs und unterstützt damit einen Wettbewerb über die Löhne, statt auf Innovationen zu setzen. Es ist ein riesiger Fehler den Sozialstaat abzubauen, denn er hat genau die Aufgabe, die Menschen zu unterstützen während sie sich notwendigerweise umorientieren. Er wird auch damit leben müssen Menschen zu unterstützen, für die es keine berufliche Perspektive mehr gibt. Nur so können wir den Menschen die Angst vor Fortschritt und Entwicklung nehmen und sie daran beteiligen.

Von: Sascha Bahl

[1] Diskussions-Thread

1 thought on “Wie sollten wir mit „Wachstum“ umgehen?”

  1. Tjaja, die „goldene Lohnregel“…schön und gut, aber wie will man derartig elementare Erkenntnisse in einer Zeit, in der die „beschäftigungsorientierte Tarifpolitik“, die „schwarze Null“ ( von denen eine Menge rumlaufen, wie ich finde ), „austeritäre Sparpolitik“ und die „wirtschaftskonforme Demokratie“ ( mein ganz persönliches Unwort unserer Zeit! ) ohne Sinn und Verstand propagiert und durcherxerziert werden in die Herzen und vor allem Hirne der Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger trümmern?

    Und rückblickend auf viele große Errungenschaften wie den Abbau der 16-Stunden-Arbeitstage und 7-Tage-Arbeitswoche kann es schon verwundern wie sich ein ganzes Volk vor dem „düsteren Ausblick“ auf immer weniger Arbeit in Besorgnis ergeht. Natürlich muss erkannt und auf den Umstand entsprechend reagiert werden, dass durch „die Schaffung neuer Wertschöpfungsmöglichkeiten“ prinzipiell sicherlich immer mehr Menschen von eben diesen ausgeschlossen werden, wenn diese neuen Wertschöpfungsmöglichkeiten sich in neuen Arbeitsplätzen mit immer höheren Anforderungen an die Arbeitnehmer äußern. Doch wenn sich der technologische Fortschritt dereinst dadurch erkennbar macht, dass das ARBEITSVOLUMEN sich in einem permanenten Rückgang befindet, ( ist in Deutschland laut den Angaben der OECD in allen Dekaden seit 1960 der Fall [1] , liegt aber eben auch daran, dass sich die deutsche Volkswirtschaft vorrangig auf den Außen- statt den Binnenmarkt orientiert – Stichwort „Exportweltmeister“ – was sich im Arbeitsvolumen dann bemerkbar macht ), dann kann man daran doch nichts schlechtes erkennen, oder? Sonst müssten wir die erwähnten 16-h-Arbeitstage und co. ja auch zurückfordern.

    Wichtig ist eben ( siehe „goldene Lohnregel“ ), dass alle ( und damit meine ich ALLE, auch Hartz-IV-Empfänger, deren „Lohn“ auch einen Anteil an der Gesamtnachfrage hat und haben muss, siehe auch einen interressanten Artikel hierzu auf den Nachdenkseiten [2] ) an diesem Produktivitätszuwachs beteiligt werden müssen. Wenn der Lohn, der in Summe aller in einer Volkswirtschaft beschäftigten das gros der Binnennachfrage ausmacht nicht an die Produktivität angepasst ist bleibt auf Dauer nur ein „Kunde“ übrig – das Ausland! Und das dies kein Dauerzustand sein kann zeigt die aktuelle Entwicklung in Europa ja recht deutlich.

    [1] Quelle: Wikipedia
    http://de.wikipedia.org/wiki/Arbeitsvolumen
    Abschnitt „Internationaler Vergleich“

    [2]
    http://www.nachdenkseiten.de/?p=26257
    nimmt zwar keine Stellung zur Bedeutung von Hartz IV aus ökonomischer Sicht, legt aber dar, dass auch jene Leistungsempfänger ein Anrecht auf eine soziokulturelle Teilhabe haben.
    Meiner Meinung nach werden diese Menschen in der Produktivitäts-Verteilungs-Debatte viel zu sehr außen vor gelassen.

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