Arbeitsmarktdaten Hessen – mehr Arbeit trotz stagnierenden Arbeitsvolumen!?

„Die Arbeitsmarktlage in Hessen ist trotz allem gut. Der Arbeitsmarkt in Hessen verläuft weiterhin erfreulich. Die gute Konjunktur belebt den Arbeitsmarkt.“ Zeilen, wie diese liest man in den Zeitungen doch ständig. Es reicht einfach mal „Arbeitsmarkt Hessen“ in Google einzugeben. Sie werden geradezu erschlagen von guten Nachrichten aus dem Arbeitsmarkt. Politiker brüsten sich regelmäßig mit der guten Entwicklung am Arbeitsmarkt.

Hier kommt nun meine Analyse dazu. Grundlage meiner Analyse sind statistische Daten wie sie das Hessische Statistische Landesamt [1] herausgibt. Dabei versuche ich möglichst an die reinen Zahlendaten zu kommen um mit den Zahlen meine eigenen Analysen durchzuführen. Zumal die Anzahl der Grafiken, die öffentlich zur Verfügung stehen, eher dürftig sind. Bei Aufsätzen zu bestimmten Themen, die auch herunterladbar sind, bin ich vorsichtig kritisch, da hier tendenziel von den Autoren viel hineininterpretiert wird und Zusammenhänge beschrieben werden, die aus den Daten nicht hervorgehen. Journalisten werden sich lieber den Aufsätzen widmen, wenn überhaupt, die oft ein positiveres Bild zeichnen als die Daten es eigentlich erlauben würden. Als Beispiel sei die oft angeführte Banken- und Finanzkrise genannt, die für die Rechtfertigung bestimmter Daten herhalten muss, obwohl viele Entwicklungen, wie der Investitionsrückgang, schon vor der Finanzkrise angefangen haben. Daher halte ich übrigends nichts davon die wirtschaftliche Misere einer Bankenkrise zuzuordnen.

Eine erfreuliche Zahl auf der sich viele Medien, Politiker und natürlich die Bundesagentur für Arbeit stürzen ist die Zahl der Erwerbstätigen. Gerade der scheidende Landrat Wilkes (CDU) meint die Arbeitslosigkeit erfolgreich nach unten gedrückt zu haben. Und tatsächlich, sehen Sie sich die Statistik an: 1991 gab es 2.974.000 Erwerbstätige. Bis 1997-98 hat sich die Zahl nicht bedeutend verändert. Um das Jahr 2000 aber zeigte sich die zunehmende Flexibilisierung am Arbeitsmarkt und das Aufweichen der Flächentarifverträge. Die Zahl der Erwerbstätigen nahm zu und erreichte 2001 seinen vorläufigen Höhepunkt mit 3.101.000 Erwerbstätige. Naja, nicht die Welt, nur in der Grafik sieht es nach dem gewählten Maßstab dramatischer aus als es ist. Nach einem Rückgang geht es seit 2010 wieder steiler bergauf. Politiker nehmen als Rechtfertigung ihrer Politik die Zahlen, die gut aussehen. Sieht doch auch nicht schlecht aus, oder?

Erwerbstaetige_Hessen_insgesamt

Interessant ist in diesem Zusammenhang der Vergleich zur Erwerbsquote. Die Erwerbsquote beinhaltet den Anteil der Erwerbspersonen (Erwerbstätige und Erwerbslose zusammen) an der Gesamtbevölkerung. Die folgende Grafik zeigt einen ähnlichen Verlauf, nur etwas flacher als die darüber. Also steigt die Erwerbsquote seit etwa ’98 tendentiell an. Es gibt also prozentual mehr Menschen, die erwerbstätig sind oder es sein könnten. Da ist es ja umso erfreulicher, dass viele die arbeiten wollen, auch arbeiten können, wie ja der Vergleich hergibt.

Gesamtquote_ Erwerbstaetigkeit_HessenIn diesem Zusammenhang ist ein Blick auf den Verlauf der Anteile an weiblichen und männlichen Erwerbstätigen interessant. Seit 1998 steigt der Anteil der weiblichen Berufstätigen. 1991 lag der Frauenanteil bei 39,4 %, während 2013 es schon 47,5 % waren. Verheiratete Frauen haben 1991 zu 48,6 % gearbeitet. Dieser Wert ist 2013 schon auf 56,3% geklettert. Frauen wollen zunehmen am Arbeitsleben teilhaben und ihren Beitrag zum Haushaltseinkommen leisten. Zumal Frauen sich nicht darauf beschränkt sehen wollen nur für die Familie da zu sein. So sind die offiziellen Verlautbarungen landauf- landab zu hören. Mit Sicherheit sind die Gründe gestiegender Frauenerwerbstätigkeit hübsch verpackt und ich möchte dies auf keinen Fall abwerten. Ob diese ehrbaren Gründe nun genau diese sind, oder ob nicht noch ein anderer Faktor zum Tragen kommt, wird am Ende dieses Artikel etwas deutlicher.

Anteile_ErwerbstaetigenquoteSchauen wir uns als nächstes die Verteilung der Erwerbstätigkeit in den verschiedenen Wirtschaftsbereichen in Hessen an. In Hessen ist der Wirtschaftsbereich „Handel, Verkehr, Gastgewerbe, Information u. Kommunkation“ von 1991 bis heute fast gleichbleibend stark. Das heißt aber auch, dass dieser Bereich sich nicht wesentlich geändert hat. Ein stetiger Anstieg ohne großartige Ausschläge ist der Bereich „Öffentliche Dienstleistungen, Erziehung und Gesundheit“. Hier gibt es in Hessen mittlerweile die meisten Erwerbstätigen. Es ist nur zu dumm, dass durch den Länderfinanzausgleich die Kommunen gezwungen sein werden, hier deutliche Abstriche vorzunehmen und gerade diesen sehr starken Bereich in Hessen zu stutzen. Die Sparmaßnahmen im öffentlichen Haushalt werden deutliche Einkommensverluste bei den Beschäftigten nach sich ziehen. Da jeder Beschäftigte auch gleichzeitig Konsument ist, wird sich dieser Effekt auch in andere Bereiche durchziehen.

Erwerbstaetige_Wirtschaftsbereiche_HessenEine deutlich Auffälligkeit zeigt die Kurve des Produzierenden Gewerbes. Hier sieht man recht deutlich, dass die Schrumpfung des produzierenden Gewerbes eine Anhebung zugunsten der Finanz-, Versicherungs und Unternehmensdienstleistungen zur Folge hatte. Neben der Bankenderegulierung und auch als Folge der Beschneidung der gesetzlichen Rentenansprüche, so dass die Bürger mehr zur privaten Vorsorge griffen und die Versicherungen und Finanzdienstleister diese Bereiche deutlich ausbauen konnten. Gesamtwirtschaftlich gesehen ist das Fatale an dieser Entwicklung, dass Versicherungen und Finanzdienstleister nichts produzieren. Sie schieben Gelder hin und her. Die Renditen für die Anlagen der privaten Vorsorgesparer müssen letztendlich auch die abhängig Beschäftigten erwirtschaften. Leider ist die Situation seit Mitte der Neunziger die, dass Unternehmen ihre Renditen weniger aus Neuinvestitionen holen als aus der Lohnzurückhaltung eben dieser Beschäftigten, die privat Vorsorgen sollen. Da beisst sich die Katze selbst in den Schwanz. Wie an der Rister-Rente sehr schön zu sehen ist, bleibt ein großer Teil des Ersparten in den Versicherungsunternehmen. Volkswirtschaftlich ist dieses von der Regierung forcierte Sparverhalten ein Desaster, da eine Volkswirtschaft nicht sparen kann. Denn das Geld, dass der Bürger aufgrund seiner Arbeitskraft erwirtschaftete hat seinen Wert hier und heute in der aktuellen Volkswirtschaft und stellt den Wert seiner Arbeit im Moment dar. In 40 Jahren kann der Wert eines Euros von heute nur noch 10 Cent wert sein und stellt keinesfalls den gleich Wert dar. Darin noch nicht eingerechnet ist, dass gespartes Geld nicht in Form von Konsum wieder in die Volkswirtschaft zurückfliesst. Dies hat zur Folge, dass die Nachfrage verringert wird. Dies wiederum verringert die Investitionen der Unternehmen und dabei gleichzeitig die Nachfrage nach Arbeitskraft. Würde also die Sparquote, die seit den 60’ern bei rund 10% liegt nun auf 20% steigen, würde jeden Monat 10% weniger Geld in den Wirtschaftskreislauf zurückfliessen. Dies würde die Volkswirtschaft innherhalb weniger Monate komplett zum Erliegen bringen.

Hier kommt nun auch ein anderer, davon abhängige Effekt zum Tragen. Während sich die Beschäftigten abstrampeln und zu immer weniger Löhnen und prekären Arbeitsbedingungen arbeiten und dann auch noch privat vorsorgen müssen, nur um selbst die notwendige Rendite zu erarbeiten, wobei ein Großteil bei den Vesicherungen bleibt, wird der Konsumeinbruch dadurch abgefedert, dass vermehrt Kredite in Anspruch genommen werden. Das ist wiederum ein Plus für die Finanzwirtschaft. Nun arbeiten die Beschäftigten nicht nur für die Rendite ihrer eigenen Altersvorsorge sondern müssen auch noch die Zinsen für ihre Kredite erarbeiten [2].

Nach der Analyse des Arbeitsmarktes, der steigenden Erwerbszahlen und Erwerbsquoten, dem gestiegenden Frauenanteil und der Aufteilung der Beschäftigten nach Wirtschaftsbereichen kommen nun die aussagefähigsten Daten zur Lage des Arbeitsmarktes. Das Arbeitsvolumen! Poltiker nehmen diese wichtige Größe nie in den Mund. Die Medien vermeiden die Erwähnung des Arbeitsvolumens. Es sei denn, es wäre kurzfristig mal gestiegen. Dann aber wird der Verlauf des Arbeitsvolumens während der vergangenen Jahre nicht erwähnt. Das Arbeitsvolumen ist deshab so bedeutungsvoll, da sie die tatsächlich geleisteten Stunden einer Volkswirtschaft anzeigt. Ob es mehr Arbeit oder weniger gegeben hat, zeigt sich allein an der Betrachtung des Arbeitsvolumens. Das Arbeitsvolumen ist die Anzahl an Stunden, die von Unternehmen nachgefragt werden.

Bevor es weitergeht, betrachten Sie sich einen Moment die folgende Grafik dazu:

geleistete_Arbeitsstunden_Hessen

Wenn Sie nun denken, dass die Balken alle die gleiche Höhe besitzen und irgendwie gar nicht zu der vorherigen Analyse und all den Medienmeinungen und Politikergeschwätz passen. Dann liegen Sie völlig richtig. Generell gibt es 1960 und heute kaum einen Unterschied im Arbeitsvolumen. 1960 wurde in Deutschland 57 Mrd. Stunden Arbeit erbracht. Aktuell sind es ca 58 Mrd. Stunden. In der Zwischenzeit hat sich das Erwerbspersonenpotential in Deutschland zur deutschen Wiedervereinigung um 26 Millionen Bürger auf 44,5 Millionen erweitert.

Vor diesem Hintergrund können Sie die vorgehende Analyse ganz anders bewerten. Denn der Anstieg an Erwerbstätigen hat nur den Effekt, dass sich nun mehr Menschen dieses Arbeitsvolumen teilen. Klar, aus neoliberaler Sicht verhält sich der Arbeitsmarkt wie ein Gütermarkt. Je günstiger das Gut, desto mehr wird es nachgefragt. Das ist die Grundidee der Agenda 2010 gewesen. Arbeit günstiger machen um mehr Arbeit zu schaffen. Schauen Sie sich die Grafik nochmal an…. Nichts hat sich im Arbeitsvolumen getan. Rein gar nichts. Nur die Arbeit ist billiger geworden.

Hier beisst sich die Katze wieder selbst in den Schwanz. Denn der Arbeitsmarkt ist nun mal kein Gütermarkt. Denn Güter fragen keine anderen Güter nach. Beschäftige fragen aber schon andere Güter und Dienstleistungen nach. Das wußte damals schon Henry Ford, der sagte: „Autos kaufen keine Autos“! Je schlechter die Beschäftigten entlohnt werden, desto weniger konsumieren sie. Und wenn weniger konsumiert wird, hat das ebenso eine Nachfragesenkung zur Folge. Wenn keine Nachfrage da ist, wird auch nichts investiert. Und wenn nicht investiert wird, werden keine Arbeitskräfte eingestellt. Deutschland würde schon längst diesen Effekt bemerken, wenn wir nicht gerade Exportweltmeister  wären und so unsere sinkende Binnennachfrage kaschieren könnten. Die Rendite soll zum großen Teil somit auch vom Ausland erarbeitet werden. Zu dumm, dass das Ausland ja für pleite erklärt worden ist und zum Sparen angehalten wird.

Denken Sie in diesem Zusammenhang auch an die Harz IV Gesetze und die Denunzierung und mediale Verunglimpfung von Hartz IV Empfängern, die angeblich alle zu Faul zum Arbeiten wären. Denken Sie daran, dass Mütter nach der Entbindung sofort wieder ans Fliessband „wollen“ oder die Menschen angeblich gerne bis 67 Jahre arbeiten wollen. Angeblich macht es sogar Spaß mehr als einen Job zu haben. Denken Sie an die deutlich gestiegenen Zeitarbeitsverträge, Leiharbeit und Minijobs. Denken Sie an die mediale Verunglimpfung der Gewerkschaften die ihr Streikrecht in Anspruch nehmen.

Alle Maßnahmen, den Arbeitsmarkt betreffend in den letzten 15 – 20 Jahren, haben nur das Ziel, die Arbeitskraft so billig werden zu lassen wie Dreck und die Umverteilung von unten nach oben zu beschleunigen. Die Eliten vergessen dabei allerdings, dass Rendite immer nur von der arbeitenden Klasse erwirtschaftet werden kann, der sie gerade den Hahn zudreht.

Quellen:

[1] http://www.statistik-hessen.de

[2] http://www.statistik-hessen.de/themenauswahl/einkommen-verdienste-verbrauch/landesdaten/einkommen-einnahmen/einkommen-einnahmen-u-ausgaben-nach-haushaltsgroesse/index.html

Alle Grafiken von Sascha Bahl nach Datenlage

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